Nina Sahm in Wittenberg
Nina Sahm, Schriftstellerin, fühlt der Stadt auf den Zahn. (BILD: Achim Kuhn)
Von Corinna Nitz

Nina Sahm wird sich im Rahmen eines Arbeitsstipendiums der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt und der Kloster Bergesche Stiftung in einem Prosatext intensiv mit Wittenberg beschäftigen.

Wittenberg/MZ

Nina Sahm pflegt eine nicht ganz seltene Angewohnheit: Bei jedem unbekannten Buch lese sie nach dem ersten den letzten Satz. Der erste Satz ihres eigenen Buches geht so: „Ich stand auf dem Bahngleis, ein Polaroid von Kinga und ihren Eltern in den Händen, das ich bis zur Abreise zwischen dem fünften und sechsten Band meiner Enzyklopädie versteckt hatte.“ Das Werk, Anfang 2014 veröffentlicht, firmiert unter dem Titel „Das letzte Polaroid“, es ist Sahms Roman-Debüt, doch geschrieben hat sie vorher schon. Und schreiben wird sie weiter, demnächst sogar über Luthers Stadt, nachdem die von Tim Schaffrick gegründete „Kulturbotschaft“ Wittenberg Sahm zur Artist-in-Residence ernannt hat.

Arbeitsaufenthalt dank Stipendium

Anders als Residenzkünstler etwa bei Musikfestivals oder in Künstlerhäusern, wird die in München lebende Autorin zwar nicht vor Ort sein. Aber sie wird sich im Rahmen eines Arbeitsstipendiums der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt und der Kloster Bergesche Stiftung intensiv mit Wittenberg beschäftigen: in einem Prosatext, der Bezug nimmt zum Ort und nicht zuletzt zur ehemaligen Buchhandlung „Max Senf“ - dort, in der Jüdenstraße 5, hat die Stiftung Kulturbotschaft seit 2013 ihren Sitz.

Am Muttertagssonntag ist auch Sahm da. Sie hat zwei Recherchetage hinter sich, aber noch keinen Lieblingsplatz. Unter die Menschen habe sie sich gemischt und ihnen zugehört. Sie hat den Stadtraum auf sich wirken lassen und das alte Senf’sche Haus. Aufgefallen ist ihr dies: „Es gibt viel Leerstand und gleichzeitig prächtige Lutherdenkmäler.“ Die Rede ist in diesem Zusammenhang auch von einem Spannungsfeld, ein Eindruck, den Sahm nicht alleine haben dürfte. Inwieweit das eine Rolle beim Entwickeln der Geschichte spielen wird, ist zu diesem frühen Zeitpunkt freilich noch nicht zu sagen. Ziemlich sicher aber werde sie über das Haus schreiben, „in dem die Dielen knarzen und nicht jeder Schalter funktioniert“.

Ein Ort des Dialogs

Das Haus. Seit Schaffrick es vor gut einem Jahr erworben hat und mit Freunden die Kulturbotschaft eröffnete, ist die einstige Buchhandlung ein, wie er es nennt, Ort des Dialogs der Weltanschauungen. Und Austausch findet statt, wenn er auch mit den Wittenbergern selbst offenbar noch ausbaufähig zu sein scheint. Dafür haben sie kürzlich Karamba Diaby begrüßt. Im „Salon Zukunft“, einem der Botschafts-Projekte, habe er über Willkommenskultur gesprochen. Man kann davon ausgehen, dass Diaby einiges dazu zu sagen hat. Der Sozialdemokrat und promovierte Chemiker aus Halle wurde im Senegal geboren - 2013 zog er als erster aus Afrika stammender Abgeordneter in den Bundestag ein.

Herumgekommen ist auch Nina Sahm schon. Etwa führte sie ein Studienaufenthalt einst nach Budapest und dorthin, in Ungarns Hauptstadt und an den Balaton, hat sie auch die Handlung ihres Romans „Das letzte Polaroid“ verlegt. Auf über 230 Seiten entwickelt sie eine spannende Geschichte über die Freundschaft zweier Mädchen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Es geht um den Wunsch, sich das Leben eines anderen Menschen anzueignen, um Verklärung und die Erkenntnis, dass manche Dinge nicht sind, wie sie in der Erinnerung erscheinen. Und um noch einmal auf Sahms eingangs erwähnte Angewohnheit zurückzukommen - der letzte Satz ihres Romans lautet: „Machst du die Tür zu, wenn du gehst?“